DER SPIEGEL: Was Verschwörungsanhänger umtreibt

Argwohn, Misstrauen, Verfolgungsängste
Warum glauben so viele Menschen an Verschwörungen, sogar Wissenschaftler und Mediziner? Welche Funktion haben solche Theorien? Antworten eines Psychoanalytikers.
Von Hans-Jürgen Wirth • 01.09.2020, 19.42 Uhr

Geheime Netzwerke, böse Drahtzieher, komplexe Komplotte: Verschwörungen haben Charisma, sie sind Bestseller, im Buchmarkt, im Kino und im Internet, ob es um Geld, Macht, Verbrechen oder jetzt eben um Corona geht. Aber warum sind Menschen schon immer so fasziniert – und gleichzeitig auch verängstigt – von dunklen Geheimnissen und dunklen Mächten und den „Theorien“ darüber?

Im Gegensatz zu Tieren können Menschen über sich selbst reflektieren. Und sie versuchen, die Welt zu verstehen. Materielle Not, körperliches, seelisches und soziales Leid, Katastrophen, Krankheit und Tod stellen die Frage nach dem Sinn des Lebens und erfordern Erklärungen und Trost. Aber die gibt es nicht immer – und manche Menschen behelfen sich dann mit Verschwörungstheorien. Was ist die psychische Funktion solcher Theorien?

Negatives Menschenbild

Der Psychologe Felix Brauner hat vor Kurzem in einem Aufsatz über neuere Erkenntnisse der psychoanalytischen Mentalisierungsforschung berichtet. Unter „Mentalisieren“ wird die Fähigkeit verstanden, sich in die Gefühle, Wünsche und Gedanken anderer Menschen hineinzuversetzen und diese zu reflektieren, ohne sie vorschnell mit eigenen Vorstellungen zu überfrachten. Mit einer solchen mentalisierenden Grundhaltung ist die Fähigkeit verbunden, anderen Menschen Vertrauen zu schenken. Beide Fähigkeiten – die zu mentalisieren, und die zu vertrauen – dienen dazu, in sozialen Situationen die eigenen Emotionen zu regulieren.

Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, verfügen nur über eine eingeschränkte Fähigkeit, sich in die innere Welt anderer Menschen hineinzuversetzen. Sie projizieren auf andere die (meist negativen) Eigenschaften, die ihr eigenes Denken und Fühlen beherrschen. Mit ihrer misstrauischen Grundhaltung zu anderen Menschen vermuten sie immer, die anderen seien von niederen Motiven angetrieben. Da der Verschwörungstheoretiker sich nicht einfühlen kann und will, hat er auch nicht die Möglichkeit, im vertrauensvollen Gespräch mit seinen Mitmenschen seine eigenen Gefühle zu regulieren, sie besser zu verstehen und neue Einsichten über sich selbst und die soziale Welt zu gewinnen. Deshalb ist die Gedanken- und vor allem die Gefühlswelt des Verschwörungstheoretikers von Verfolgungsängsten, Argwohn, Misstrauen, Feindbildern, Schwarz-Weiß-Denken, Sarkasmus und Zynismus geprägt.

Verschwörungstheoretiker haben ein durch und durch pessimistisches und negatives Menschenbild. Sie nehmen grundsätzlich an, dass die Menschen, insbesondere diejenigen, die erfolgreich sind oder über Macht, Einfluss und Geld verfügen, insgeheim Böses und Hinterhältiges im Schilde führen. Dass Bill Gates als einer der reichsten Menschen der Welt einen Teil seines Vermögens in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht hat, können sie sich nicht vorstellen. Stattdessen sind sie sicher, dass er die Weltherrschaft anstrebt.

Offenbar spricht das Denken in unheimlichen Verschwörungskonstruktionen viele Menschen zumindest in fiktionalen Fantasiewelten an. Filme wie „Star Wars“ und „The Da Vinci Code – Sakrileg“ entwerfen die Welt als Schauplatz eines gigantischen Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen den Mächten des Lichtes und denen der Finsternis.

Linke und Rechte

Der Sozialforscher Oliver Decker hat in seiner sogenannten „Autoritarismus-Studie zum Rechtextremismus in Deutschland“ auch empirisch den Zusammenhang zwischen Verschwörungsmentalität und Rechtsextremismus aufgezeigt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Neigung zu Verschwörungsfantasien eng mit rechtsextremistischen Auffassungen und mit Antisemitismus zusammenhängt. Allerdings hält er fest, dass Verschwörungstheoretiker auch im linken Spektrum beheimatet sind.

Decker versteht unter „Verschwörungsmentalität“ ein zeitlich relativ stabiles Merkmal, das sich als Reaktion auf die langfristige Erfahrung mangelnder Kontrolle über das eigene Leben herausbildet. Wie die Daten aus Umfragen zeigen, hängt das Gefühl mangelnder Kontrolle über das eigene Leben sowohl mit Kontrollverlust im persönlichen und beruflichen Leben zusammen als auch mit dem Eindruck, dass man selbst und generell „das einfache Volk“ keinen Einfluss darauf hat, was die Politik tut.

Das Gefühl des Kontrollverlusts geht einher mit dem Gefühl der Ungerechtigkeit und der Verbitterung. Die „Theorie“, all diesen Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen liege die Verschwörung einer kleinen Gruppe von Mächtigen zugrunde, rechtfertigt den starken Affekt der Empörung, der sich gegen „das System“ auflehnt.

Die Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen werden von den Demonstranten als grandiose Selbstermächtigung inszeniert: „Take back control!“ Der Protest wird als lustvolle Provokation der staatlichen (und der wissenschaftlichen) Autorität erlebt. Die gerichtlich erstrittene Legalisierung der Demonstrationen wird als zusätzlicher Triumph gefeiert.

Führende Köpfe der Corona-Demonstrationen

Die führenden Köpfe unter den Verschwörungstheoretikern sind nur zum kleineren Teil naive und fanatisch Besessene, zum größeren Teil aber kühl kalkulierende Opportunisten, die die Lust am Regelverstoß und am Tabubruch bewusst einsetzen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Sie stimulieren die Ängste und Unsicherheiten, die in der Bevölkerung sowohl angesichts der Gefahr durch das Virus als auch angesichts der ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen der Verwerfungen bestehen, und instrumentalisieren sie für ihre Ideologie.

Die Motive des Einzelnen, an einer solchen Demonstration teilzunehmen, können inhaltlich sehr verschieden sein. Die Gruppenbildungen erfolgen hauptsächlich aufgrund der geteilten Erregungen, insbesondere der kollektiv zelebrierten Empörung, die sich durch die gemeinsame Inszenierung wechselseitig verstärkt und hochschaukelt. Ursächlich sind hier nicht stabile ideologische Haltungen, sondern eher sich spontan verbreitende gesellschaftliche Stimmungen. Solchen Stimmungen kann man sich oft nur schwer entziehen, wie der Soziologe Heinz Bude kürzlich ausgeführt hat. Wenn sich genug Gleichgesinnte zusammentun, entsteht eine neue „kritische Masse“, die eine eigene Stimmung erzeugen und auch den Charakter eines Verschwörungsglaubens annehmen kann. Der wirkt dann wieder auf andere ansteckend und verführend.

Verschwörungsdenken unter Ärzten

Überraschend ist, dass es auch Ärzte und Wissenschaftler gibt, die sich nicht scheuen, ihre wissenschaftliche Reputation aufs Spiel zu setzen, indem sie sich mit Verschwörungstheoretikern gemeinmachen.

Die Irrationalität ihrer Argumentation zeigt sich unter anderem darin, dass sie einerseits die Regierung der „Angstmacherei“ anklagen und angeblich selbst beruhigend wirken wollen, dann aber mit dem Argument drohen: Was wollt ihr denn erst machen, wenn mal eine richtig gefährliche Pandemie über der Menschheit hereinbricht?

Was auch immer die psychologische oder politische Motivation ist, die Anhänger und Ventilierer von Verschwörungstheorien antreibt: Die Verleugnung einer realen Gefahr führt eben nicht dazu, die entstandenen Ängste zu regulieren, zu integrieren und angemessen damit umzugehen. Sie führt leider nur zum Gegenteil: zu ihrer Wiederkehr und Verstärkung in der projektiven Horrorvision.

Quelle: DER SPIEGEL